Im Gespräch mit Creative Maker Ankon Mitra
Falten, Formen, neue Perspektiven
Was macht eine Küche authentisch? Wie wählt man die richtige Textur oder Oberfläche aus? Der indische Architekt und Bildhauer Ankon Mitra ist der neue Creative Maker von next125 und erzählt im Interview, warum eine Küche ein Ort der Begegnung ist – heute und in Zukunft.
#1 Wer sind Sie?
Mein Name ist Ankon Mitra. Ich bin ausgebildeter Architekt und arbeite als Bildhauer und Origami-Künstler. Ich lebe in Neu-Delhi, Indien.
#2 Woher kommen Ihre Ideen meistens?
Ich denke, an erster Stelle sammle ich Idee aus Beobachtungen der Umgebung und der Natur. Meine Praxis des Origami oder des Faltens entstand aus einem tiefen Verständnis für Falten in der Natur und der Frage, warum sie überhaupt existieren. Wie nutzt die Natur sie? Welche Funktion haben sie? Und dann entwickle ich die Ideen weiter. Es ist eine Mischung aus Gesprächen, Skizzieren und dem Betrachten der Werke anderer Meister. Menschen, die uns den Weg gewiesen haben, etwas Neues auszuprobieren, und uns eine Tür geöffnet haben, durch die wir nun eintreten und weiter erkunden dürfen.
#3 Was ist Ihre früheste Kindheitserinnerung in der Küche?
Ich war als Kind nach der Schule allein zu Hause. Meine früheste Erinnerung ist der Versuch, ein Omelett zuzubereiten. Ich musste mir einen kleinen Hocker holen und darauf steigen, um an den Gasherd zu kommen. Es war mir verboten, aber ich schaltete ihn ein, gab Öl in den Wok und briet mir ein Ei mit Zwiebeln und Tomaten. Dann wusch ich alles ab, bis die Küche wieder blitzblank war. Meine Mutter kam am Abend nach Hause und ging in die Küche. Sie kam wieder heraus und fragte mich: „Hast du Eier gebraten?“ Ich sagte: „Ja, ich habe Eier gebraten.“ Ich dachte, sie würde mich schimpfen, aber dann hatte sie nur ein kleines Lächeln im Gesicht. Ich glaube, das ist eine der Erinnerungen, die mir aus meiner Kindheit in der Küche wirklich im Gedächtnis geblieben sind.
#4 Welche Geräusche verbinden Sie mit dem Wort „Zuhause“?
Ich glaube, die Geräusche aus der Küche kommen dem am nächsten. In indischen Küchen gibt es ein Gerät namens Schnellkochtopf, das morgens pfeift. Und dann ist da noch das Geräusch, wenn Rotis (indisches Fladenbrot) gebacken werden. Ein weiteres Geräusch ist das Klirren, wenn der Karchi – das ist die Kelle oder eine Art Löffel, mit dem man das Gemüse im Wok oder Handi umrührt – gegen die Seiten schlägt. Die schönsten Geräusche sind für mich glaube ich die, wenn meine Mutter morgens das Essen zubereitet und meine Lunchbox packt.
#5 Sie arbeiten viel mit Materialien. Wie wählen Sie die richtige Textur oder Oberfläche für ein Projekt aus?
Das Projekt bestimmt das Material von selbst. Die Aufgabe besteht lediglich darin, es auf die Projektvorgaben abzustimmen und das Gespür dafür zu entwickeln, welche Materialität für die jeweiligen Vorgaben, den Kontext und die Bedeutung des Projekts am besten geeignet ist.
#6 Wie entscheiden Sie, ob ein Material für das Projekt geeignet ist?
Wenn es beispielsweise ein Projekt ist, bei dem es um Stärke geht, und zwar um eine Stärke, die durch einen Transformationsprozess entsteht, dann würde ich vielleicht etwas wie Beton wählen. Beton ist zunächst ein sehr pulverförmiges, schwaches Material, wird aber durch die Zugabe von Wasser und die chemische Umwandlung zu etwas sehr Starkem und Strapazierfähigem. In diesem Fall passt Beton zur Erzählung des Projekts. Man muss also ein wenig tiefer darüber nachdenken, was das Material ausdrücken soll, die Antwort kommt dann ganz von selbst.
#7 Worauf achten Sie besonders, wenn Sie Materialien kombinieren?
Es kommt darauf an, welches Endergebnis man erzielen möchte. Manchmal wünscht man sich vielleicht eine sanfte Atmosphäre. Dann wählt man eher Textilien und Materialien, die dem gesamten Raum eine weiche Note verleihen – Teppiche oder Ähnliches. In anderen Fällen braucht man vielleicht Wärme. Dann sucht man zum Beispiel nach Holz oder nach Steinen in warmen Farbtönen. Vielleicht wünscht man sich Reflexion oder etwas sehr Glänzendes. Dann sucht man nach Stahl, nach Spiegeln oder nach stark reflektierenden metallischen Oberflächen.
Ich denke also, dass all dies in gewisser Weise logisch ist, dass man sich zu einem Material hingezogen fühlt, das von Natur aus dieses Verhalten oder diese Eigenschaft aufweist.
#8 Warum sollten Menschen Raum und Material im realen Leben erleben und nicht nur digital?
Wir sind physische Wesen. Wir verfügen nicht nur über die fünf Sinne, sondern auch über einen sechsten Sinn. Wir sind noch keine virtuellen Wesen. Wir bewohnen den Raum. Um uns herum gibt es eine Energie, die wir nicht sehen können und die mit dem physischen Raum interagiert. Wenn wir mit einer anderen Person in Kontakt kommen, interagieren wir mit der Energie dieser Person.
Angesichts all dessen ist es sehr wichtig – die körperliche Präsenz, die Materialität, die Energie dieses Materials, wie man es berührt, fühlt, wahrnimmt, wie es zu einem spricht, welchen Eindruck man davon gewinnt. All dies sind Dinge, die nach wie vor zur physischen Welt gehören. Wir müssen also definitiv physisch mit Materialien und mit dem Raum interagieren, um ihnen ihre volle Bedeutung zu geben.
Wir laden Sie ein, UN:FOLD live zu erleben und das Material im realen Raum zu entdecken.
#9 Welche Regel brechen Sie als Architekt und Künstler am liebsten und warum?
Eine Sache, die mir aufgefallen ist – und die immer sehr subjektiv ist – ist, dass es in der Architektur keine festen Regeln gibt, sondern nur Richtwerte. Nehmen wir zum Beispiel die Ergonomie: Dabei geht es darum, was für den Menschen bequem ist. Es gibt ja eine ganze Bandbreite an Körpergrößen, nicht wahr? Ich bin klein. Es gibt Menschen, die groß sind. Wenn also jemand Großes auf einem Stuhl sitzt und jemand Kleines auf demselben Stuhl, haben beide ein unterschiedliches Erlebnis damit. Was wir also tun, ist, den Stuhl so anzupassen, dass er sowohl für den kleinen als auch für den großen Menschen bequem ist. Wenn man sich diese Idee eines Spektrums ansieht, weiß man bereits, dass es keine feste Regel gibt, nach der der Stuhl auf eine bestimmte Art und Weise sein muss.
#10 Wie stellen Sie fest, dass ein Kunstwerk Charakter hat?
Ich finde, es ist ähnlich wie bei einer Begegnung mit jemandem, der einem noch lange nach dem Treffen im Gedächtnis bleibt. Man trifft sich kurz, die Person geht wieder, aber irgendetwas an ihr bleibt haften. Wenn ein Kunstwerk einen solchen Eindruck hinterlässt – wenn man nicht mehr direkt davorsteht, aber in Gedanken immer wieder darauf zurückkommt, dann hat es Charakter.
#11 Wie würden Sie eine authentische Küche beschreiben?
Eine authentische Küche ist für mich persönlich ein Ort, an dem das Essen im Haus zubereitet wird. Das Erlebnis dieses Raumes muss dieselbe emotionale, mentale und spirituelle Bereicherung bieten, die uns das Essen selbst schenkt. Es ist für die Erhaltung des Körpers absolut notwendig. Daher muss auch das Erlebnis der Zubereitung dieses Essens in diesem Sinne erfüllend sein.
#12 Wie wird die Zukunft des Kochens aussehen?
Ich glaube, es wird ehrlich gesagt immer schlimmer werden, denn mit all dem Fast Food und den Fertiggerichten, den unregelmäßigen Essenszeiten und den Leuten, die Essen bestellen und keine Zeit haben, selbst zu kochen – wird es irgendwann zu einem Wendepunkt kommen. Und dann müssen wir entscheiden, ob wir von der Klippe springen oder ob wir einen Schritt vom Abgrund zurücktreten.
Ab diesem Punkt wird es meiner Meinung nach wieder besser werden. Schon jetzt gibt es Bewegungen wie die Slow-Food-Bewegung, und die Menschen wollen wieder frische Zutaten auswählen, ihre Mahlzeiten selbst zubereiten, einfachere Gerichte essen, sich Zeit für das Kochen nehmen und das Essen dann in vollen Zügen genießen.
#12,5 Meine perfekte Küche…?
ist der Ort, an dem meine Familie und ich wieder zueinanderfinden können. Vielleicht haben wir uns eine Zeit lang nicht so oft gesehen, weil jeder mit der Arbeit beschäftigt war. Die Küche wird dann zu dem Ort, an dem wir zusammenkommen, gemeinsam eine Mahlzeit zubereiten und uns beim Kochen wieder näherkommen. Und dann setzen wir uns hin und genießen gemeinsam das Essen.
Für next125 hat Ankon Mitra die Installation „UN:FOLD“ entwickelt. Aus gefaltetem Aluminium ist ein runder, dreidimensionaler Körper entstanden, der mit verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven spielt. Der dynamische Rundbau bildet eine Bühne für die reduzierte next125 Küche im Zentrum der Installation.
Besuchen Sie uns auf der Salone del Mobile Milano im Superstudio und überzeugen Sie sich von der einnehmenden Komposition aus Architektur, Origami und Küchendesign!